Vortrag: Generative KI und Chatbots in der Psychotherapie: Beziehung, Empathie und Verantwortung im digitalen Raum
Generative KI-Systeme und psychotherapeutische Chatbots verändern zunehmend die Landschaft psychosozialer Versorgung. Von niedrigschwelligen Selbsthilfeangeboten über strukturierte Interventionsprogramme bis hin zu Large-Language-Model-basierten Dialogsystemen entstehen neue Formen digital vermittelter Beziehungserfahrung. Doch was bedeutet es, wenn Empathie simuliert wird? Wenn therapeutische Sprache algorithmisch erzeugt wird? Und wenn Vulnerabilität auf datengetriebenen Systemen aufruht?
Der Vortrag analysiert aktuelle Entwicklungen im Bereich generativer KI mit besonderem Fokus auf Chatbots in der psychotherapeutischen Praxis. Anhand konkreter Anwendungsfelder – etwa strukturierte Psychoedukation, Krisenintervention, Verlaufsreflexion oder Supervision – werden Potenziale, aber auch strukturelle Grenzen diskutiert.
Zentrale Leitfragen sind:
- In welchem Sinne können KI-Systeme „empathisch“ erscheinen und worin unterscheiden sie sich fundamental von intersubjektiver Resonanz?
- Wie verändert sich das Verständnis therapeutischer Beziehung unter digitalen Bedingungen?
- Welche epistemischen, ethischen und rechtlichen Risiken entstehen (Bias, Datenschutz, Verantwortung, Übervertrauen)?
- Wie kann KI integrativ eingesetzt werden, ohne therapeutische Autonomie und professionelle Haltung zu unterminieren?
Der Vortrag plädiert für ein integratives Modell, das KI nicht als Ersatz, sondern als relationales Assistenzsystem versteht – eingebettet in klare professionelle, ethische und governance-bezogene Rahmenbedingungen.
Workshop
Workshop-Titel: Partizipative und verantwortungsvolle Integration von KI in die Psychotherapie
Kurzbeschreibung: Während viele KI-Workshops primär Tools demonstrieren, fokussiert dieser Workshop auf eine andere Frage: Wie soll KI in psychotherapeutische Kontexte integriert werden und wer entscheidet darüber?
Der Workshop verbindet praktische Exploration generativer KI-Systeme mit partizipativen und ethischen Reflexionsmethoden. Ziel ist es, gemeinsam Kriterien für einen verantwortungsvollen Einsatz zu entwickeln.
Inhalte und Ablauf:
- Kurze Live-Demonstration
Beispielhafte Interaktion mit einem generativen Dialogsystem (z. B. psychoedukative Sequenz oder empathische Rückmeldung)
→ Analyse: Wo wirkt es unterstützend? Wo irritierend? - Kleingruppenarbeit: Perspektivenwechsel
Die Teilnehmer:innen arbeiten in unterschiedlichen Rollen (muss nicht die eigene Berufsgruppe sein):- Therapeut:in
- Patient:in
- Supervisor:in
- Ethikkommission / Berufsverband
Aufgabe: Entwicklung von Kriterien zum KI-Einsatz in einem konkreten Szenario (z.B. Chatbot-Begleitung zwischen Sitzungen).
- Integration und Leitlinienentwicklung
Gemeinsame Erarbeitung von:- Indikationskriterien / Ausschlusskriterien
- Transparenzanforderungen
- Anforderungen an professionelle Haltung
- Grenzen automatisierter Empathie
Der Workshop richtet sich an Psychotherapeut:innen, Ausbildner:innen und Supervisor:innen, die KI nicht nur ausprobieren, sondern kritisch und reflektiert in ihr Praxisverständnis integrieren möchten.

Prof. Dr. med. Philipp Kellmeyer, M. Phil. ist Neurologe, Neurowissenschaftler und Ethiker mit Schwerpunkt auf Responsible AI und Digital Health. Er leitet Forschungsprojekte an der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz, Neurotechnologie und klinischer Versorgung und beschäftigt sich insbesondere mit ethischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Fragen digitaler Assistenzsysteme im Gesundheitswesen. Seine Arbeit verbindet klinische Praxis, computationale Methoden und partizipative Ethikforschung. Er berät nationale und internationale Institutionen zu Fragen der KI-Governance im Gesundheitsbereich und publiziert regelmäßig zu den Auswirkungen digitaler Technologien auf Vulnerabilität, Autonomie und therapeutische Beziehungen.
