Martin Steppan

Vortrag: Der künstliche Dritte: Empathie, Beziehung und KI im therapeutischen Raum

Von ELIZA bis zu heutigen Large Language Models zeigt sich: Menschen reagieren auf sprachlich zugewandte Maschinen erstaunlich schnell mit Zuschreibung von Verstehen, Beziehung und Empathie. Zugleich können KI-Systeme heute emotionale Muster in Sprache, Mimik und Verhalten erkennen, Theory-of-Mind-Aufgaben lösen und Antworten erzeugen, die mitunter empathischer wirken als menschliche Reaktionen.

Der Vortrag fragt, was diese Entwicklung für den therapeutischen Raum bedeutet. Wenn KI als Assistenz, Analysewerkzeug, Reflexionspartnerin oder scheinbar empathisches Gegenüber auftritt, entsteht eine neue Dreieckskonstellation: Neben Therapeut:in und Patient:in ist ein “künstlicher Dritter” anwesend, der mitsortiert, interpretiert und antwortet. Die Psychotherapie könnte sich dadurch zunehmend zu einem Human-in-the-Loop-Setting verändern: Der Mensch bleibt verantwortlich, arbeitet aber mit Systemen, die fortlaufend beobachten, gewichten und Vorschläge machen.

Als Analogie dient der Einwegspiegel in Ausbildung und Supervision: Auch dort verändert eine zusätzliche beobachtende Instanz den therapeutischen Raum, ohne selbst Teil der Dyade zu sein. KI macht diese dritte Position jedoch dynamischer, allgegenwärtiger und potenziell interaktiv. Diskutiert werden Chancen für Diagnostik, Supervision und Selbstreflexion, aber auch Risiken wie Beziehungsillusion, Datenschutzprobleme, Verzerrungen und Verantwortungsdiffusion. Besonders augenfällig ist das Nutzungsverhalten Jugendlicher, die KI-Chatbots bereits für Sorgen, Stress, intime Themen oder romantische Gespräche verwenden. Ziel ist eine Integration von KI, die menschliche Resonanz, klinische Urteilskraft und therapeutische Verantwortung stärkt, statt sie zu ersetzen.

Kurzfassung

Der Vortrag beleuchtet KI als “künstlichen Dritten” im therapeutischen Raum und fragt, ob sich Psychotherapie zu einem Human-in-the-Loop-Setting verändert: Der Mensch bleibt verantwortlich, während KI beobachtet, sortiert und Vorschläge macht. Als Analogie dient der Einwegspiegel in Ausbildung und Supervision. Mit Blick auf Theory of Mind, empathisch wirkende Maschinen und das bedenkliche Nutzungsverhalten Jugendlicher werden Chancen und Risiken einer verantwortungsvollen Integration diskutiert.

DDr. Martin Steppan

Psychologe und Forschungsmethodiker mit großer Begeisterung für die kreative Anwendung von Technologie. In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit aktuellen Paradigmenwechseln in Psychotherapie und psychologischer Beratung durch KI-gestützte Verfahren. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der KI-basierten Emotionsanalyse der Mimik sowie auf KI-getriebenen Ansätzen zur Unterstützung psychologischer Beratung und Diagnostik. Lehrtätigkeit an Hochschulen, regelmäßige Vorträge zu Zukunftsthemen an der Schnittstelle von Psychologie und Technologie sowie Betreiber der Beratungsplattform meinBeruf.ch.